Blick über den Tellerrand

Ende Mai 2017 fand der Schweizer Kongress der Hörgeräteakustiker in Fribourg statt. Die Akustika, der Schweizer Fachverband für Hörgeräteakustik, hatte sich für diesen Veranstaltungsort entschieden, um den Westschweizer Kollegen entgegenzukommen. Leider folgten weniger Gäste der Einladung als in den Jahren zuvor – schade, denn das Programm bot interessante Vorträge aus dem Bereich Hörakustik und den benachbarten Disziplinen.



Jürgen Holm, Professor für Medizininformatik an der Berner Fachhochschule, machte den Auftakt mit seinem Vortrag „Frau Brönnimann und die Digitalisierung des Schweizer Gesundheitswesens“. Die Protagonistin Elisabeth Brönnimann ist eine Persona mit einer Lebens- und Krankengeschichte, an der sich die Berner Fachhochschule orientiert. An ihr machte Holm während seines Vortrages fest, was die Digitalisierung des Schweizer Gesundheitswesens bedeutet. Zunächst ging er auf grundlegende Dinge ein, wie die reale und die virtuelle Welt, die über Jahre hinweg getrennt waren, nun mithilfe von Sensoren zusammenwachsen. „Wir vermessen uns ständig – beispielsweise über Smartphones oder Wearables“, so Holm.

„Die Sensoren messen unsere Temperatur oder zählen die Schritte, die wir am Tag zurücklegen. Diese Information geben sie an die virtuelle Welt weiter. Mittels Algorithmen sowie Datenstrukturen interpretieren die Informatiker diese Daten. Die Ergebnisse schicken sie zurück an die reale Welt und die reagiert darauf.“ Das sei nichts anderes als das Internet of Things beziehungsweise die digitale Transformation im Gesundheitswesen, erklärte der Professor. Die unterschiedlichen Technologien konvergieren, fließen zusammen und bilden mehr und mehr eine einheitliche Technologie. Entscheidend dafür ist die künstliche Intelligenz, die sich verändernde Muster verstehen und interpretieren kann. Ambient Assisted Living (AAL) oder vorausschauende Wartung waren die Schlagwörter, auf die sich Holm immer wieder bezog: „Die elektronischen Geräte und die Apps entwickeln sich zu Medizinprodukten. Sie sammeln zunehmend validere Daten und können – bevor eine Erkrankung ausbricht – erkennen, dass die Person in Gefahr ist. Eine frühe Diagnose verbessert die Prognose eindeutig.“

Angesichts der demografischen Entwicklung rechnet der Wissenschaftler mit hohen Umsätzen im Bereich AAL: „Wir werden in der Schweiz in naher Zukunft viele alte Menschen haben, aber es wird nicht genügend Pflegekräfte geben, die sich um sie kümmern.“ Am Beispiel von Frau Brönnimann und deren Wohnung, die an der Berner Fachhochschule eingerichtet wurde und die man sich im Internet anschauen kann, erklärte er schließlich, wie AAL funktionieren kann. „In der Wohnung von Frau Brönnimann steht eine Waage, die das Gewicht sowie andere Daten misst und diese an eine Website schickt. Die Studenten holen die Daten zurück ins Labor; daran ist ein wissensbasiertes System gekoppelt. Diese künstliche Intelligenz weiß, dass Frau Brönnimann an einer Herzinsuffizienz leidet und kennt die Medikation, mit der die Dame eingestellt ist.

Sollte jetzt beim täglichen Wiegen herauskommen, dass sie innerhalb von 48 Stunden zwei bis zweieinhalb Kilo zugenommen hat, merkt Frau Brönnimann das vielleicht gar nicht, aber wir stellen eine Wassereinlagerung fest.“ Was passiert dann? Die Waage schickt eine SMS mit dem entsprechenden Hinweis an den Arzt und die erscheint dann sogleich in seinem Praxisinformationssystem. Eine Maßnahme wäre nun, die Spitalexterne Hilfe und Pflege (Spitex) zu benachrichtigen. Durch diese vorausschauende Wartung werde ein möglicher Krankenhausaufenthalt obsolet, war sich Holm sicher. In der Musterwohnung hat sich die Berner Fachhochschule auch dem Thema „Stürze“ gewidmet, indem sie unter dem Fußboden flächendeckend einen Sensor installiert hat.

„Stürzt die Dame, wird dies vom System erkannt. Per App wird ein Roboter aktiviert, der zur Unfallstelle fährt. Über ein Tablett, das an ihm befestigt ist, skypt er nun mit den Angehörigen oder einem Hilfsdienst“, berichtete Holm. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens gehe einher mit Qualität, Patientensicherheit, Effizienzsteigerung und Empowerment (Übertragung von Verantwortung), so Holm. Diese Ziele hat sich auch das Elektronische Patientendossier (EPD) auf seine Fahne geschrieben, dass am 15.04.2017 in Kraft getreten ist und von allen Leistungserbringern im Gesundheitswesen zügig umgesetzt werden soll. Für Holm ist das EPD richtungsweisend und längst überfällig. Weitere Informationen dazu gibt es unter www.patientendossier.ch.

Professor Dr. Norbert Dillier, Leiter experimentelle Audiologie an der Klinik für Ohren-, Nasen-, Hals- und Gesichtschirurgie am UniversitätsSpital Zürich hielt einen Vortrag zum Thema „Auditorische Illusionen – Virtuelle Akustik zur Evaluation neuer Hörsysteme“, der bei den Kongressteilnehmern sehr gut ankam. Zu Beginn spielte er Baustellengeräusche ein – mal hörte man einen Presslufthammer heraus, dann übernahm ein Bohrer den dominanten Part. Als Dillier das Bild der vermeintlichen Baustellen zeigte, staunte das Publikum nicht schlecht. Denn zu sehen war der Leierschwanz, ein australischer Vogel, der Umweltgeräusche – technische und natürliche – imitieren kann. Im Laufe seiner Präsentation überraschte der studierte Elektrotechniker die Zuhörer immer wieder mit auditorischen Illusionen. Bei der Erklärung des Phänomens, dass man in einem Orchester einzelne Musiker oder Instrumente heraushören kann, verwies er auf Albert Bregman.

Bregman hat auditorische Szenen wie Gesprächs- oder Orchestersituationen betrachtet. Dabei hat er Gruppierungsmerkmale herausgearbeitet und in Bezug auf das Gehör untersucht – analog zu den Gestaltungsprinzipien aus der Optik. Hier kann man beispielsweise zwischen einem primitiven Gruppierungsverfahren und dem Bilden einer sogenannten Ereignisfrequenz unterscheiden, die auf eine Schallquelle schließen lässt. Dazu ein Beispiel: Dillier spielte eine einfache, synthetisch hergestellte Melodie ab, bei der sich ein hoher und ein tiefer Ton abwechselten; eine zeitliche Überlappung gab es nicht.

„Wenn Sie das Ganze jetzt etwas schneller ablaufen lassen, dann hören Sie einen Strom – einen ersten Tonverlauf von einer hohen Frequenz und einen zweiten Tonverlauf von einer tiefen Frequenz. Das Muster ist auseinandergebrochen und Sie können die Pausen zwischen den Tönen nicht mehr hören.“ Als eine weitere auditorische Illusion spielt Dillier die unendliche Tonleiter nach Roger Shepard ein, die ihr optisches Pendant in der unendlichen Treppe nach Maurits Cornelis Esche hat. „Illusionen entstehen bei der Umwandlung akustischer Signale in unsere Hörwahrnehmung“, beschrieb der Leiter der experimentellen Audiologie. Das sei etwas ganz Banales und entstehe dadurch, dass das Gehirn die Signale nicht eins zu eins übertrage, sondern in eine Wahrnehmung umwandle.

„Das Gehör bildet die physikalische Klangwelt ab und dort spielen diese Phänomene und Mechanismen der Gruppierung und der Trennung der einzelnen Objekte eine Rolle. Das hängt auch von der Geschwindigkeit ab, wie die Elemente aufeinanderfolgen, und von der Frequenzzusammensetzung“, erklärte Dillier. Dieses Wissen lasse sich zudem einsetzen, um Hörgeräte zu verbessern und die Signalverarbeitung zu optimieren, resümierte der Wissenschaftler weiter.

Dr. Nathalie Giroud griff das Thema „Hören wird für das Gehirn im Alter anstrengender“ auf. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Zürich nannte unterschiedliche Formen von Hörverlust, wie zum Beispiel den peripheren Hörverlust. Hierunter versteht man eine altersbedingte Veränderung im Ohr, meistens der Cochlea. Eine andere Form ist der zentrale Hörverlust, der im zentralen Nervensystem entsteht. „Das Alter kann die Hörrinde, den auditorischen Cortex, verändern, es kann aber auch die Kognition verändern“, machte die Wissenschaftlerin deutlich.

„Bei vielen Hintergrundgeräuschen in einem Restaurant reicht es nicht aus, wenn ich gut höre, sondern ich muss meine Aufmerksamkeit auf die Person lenken, der ich zuhöre. Zudem muss ich die Störgeräusche im Hintergrund ausblenden. Das ist ein sehr kognitiver Prozess, der nicht nur im auditorischen Kortex passiert, sondern auch in anderen Bereichen des Gehirnes“, fuhr sie fort. Mit einem Audiogramm lässt sich diese Art von Hörverlust nicht feststellen. Ziel einer Studie an der Universität Zürich war deshalb, Tests zu implementieren, die den zentralen Hörverlust messen. Für die Studie wurden jüngere und ältere Personen getestet, bei denen laut Audiogramm keine periphere Hörbeeinträchtigung vorlag.

Zur Anwendung kamen überschwellige Tests, die nicht nur die Hörschwelle maßen, sondern für jede Person mindestens 20 oder 30 dB über der individuellen Hörschwelle lagen. Zudem wurden adaptive Algorithmen verwendet, die erkannten, ob eine zu lösende Aufgabe für die jeweilige Person zu einfach oder zu schwierig war. Wichtig war ferner, dass die Tests ausreichend oft wiederholt wurden und dass ein Zusammenhang mit der Sprachverarbeitung zu erkennen war. „Wir haben uns für den Test Sprachverstehen im Störgeräusch entschieden; die Probanden mussten also bei einem Rauschen im Hintergrund Sätze hören und diese wiederholen“, erklärte Giroud.

Der Test hat ergeben, dass jede einzelne ältere Person viel schlechter abgeschnitten hat als jede einzelne jüngere Person. Und warum war das so? Giroud und ihr Team haben unter anderem die cordiale Dicke verschiedener Regionen im Gehirn gemessen, die für die Sprache wichtig sind. Danach hatten alle älteren Personen eine viel geringere cordiale Dicke in diesen Regionen als die jüngeren Studienteilnehmer. Das heißt, ihr Gehirn war hier bereits geschrumpft. Also können diese altersbedingten Veränderungen in der Anatomie des Gehirnes zu zentralem Hörverlust führen beziehungsweise zu einer schlechteren Verarbeitung von Sprache.

„Allerdings scheint die Verarbeitung von Sprechmelodien, Sprechrhythmus oder Betonung nicht beeinträchtigt zu sein“, so Giroud. Ausgehend von diesem Ergebnis stellte sich die Frage, ob Hörgeräte den zentralen Hörverlust mindern können. In Kooperation mit Phonak hat dann die Universität Zürich Personen verglichen, die ein Hörgerät tragen – also unter einem peripheren Hörverlust leiden – und Personen, die keines tragen. Zudem wurden zwei verschiedene Hörgerätealgorithmen verglichen.

„Dabei haben wir uns auf die nicht lineare Frequenzkompression fokussiert“, erläuterte die Referentin. Die Probanden wurden im Rahmen einer Längsschnittstudie über drei Monate getestet; ihre Hörgeräte trugen sie mindestens zwölf Stunden pro Tag. Die Längsschnittstudie brachte zutage, dass ein peripherer Hörverlust – also eine altersbedingte Veränderung der Cochlea – zu einer verzögerten Lernfähigkeit der auditorischen Areale führen kann. „Hörgeräte können die Lernfähigkeit zwar unterstützen, das braucht aber seine Zeit“, fasste die Rednerin zusammen.

Dr. Andreas Arnold, Facharzt für Oto-Rhino-Laryngologie sowie Leiter der HNO Münsingen, referierte über „Die chirurgischen Therapien von Mittelohrerkrankungen“. Zunächst zeigte er die Ursachen einer Mittelohrentzündung auf. Da gebe es zum einen die Otitis media, die sehr schmerzhaft sein könne, bis man den Druck senke, der sich durch die Flüssigkeit hinter dem Trommelfell aufgebaut habe. Diese Flüssigkeit behindere die natürliche Übertragung der Vibration. „Wir haben dann ein abgeflachtes Tympanogramm und die Beweglichkeit des Trommelfelles ist eingeschränkt“, dozierte der Mediziner. Nasenspray sei die einfachste Therapie. Wenn das nicht ausreiche, führe der Chirurg einen Schnitt im Trommelfell aus und lege ein Paukenröhrchen, dann könne der Erguss abfließen. Arnold nannte zudem die chronische Otitis media.

„Das ist ein Loch im Trommelfell – hervorgerufen durch eine chronische Perforation nach einer Mittelohrentzündung oder einer Paukendränage“, beschrieb er das Krankheitsbild. Mögliche Therapien sind der Trommelfellverschluss – Tympanoplastik oder Myringoplastik – oder ein Ersatz der Schallleitungskette. Dafür verwendet der Facharzt hauptsächlich körpereigenes Material wie die Temporalisfaszien. „Die kann man in kleinen Stücken entfernen und daraus lassen sich viele Tympanoplastiken machen. Mit ihnen kann man bei einer Perforation das Trommelfell sehr rasch verschließen. Das hält wunderbar“, schwärmte Arnold und leitete über zur Otosklerose. Das sei eine Versteifung im Bereich des letzten Gehörknöchelchens. Durch eine Operation erreiche man eine Hörverbesserung von über 90 Prozent. Während der Laseroperation setze man eine winzige Prothese aus Titan oder Nitinol ein.

Eine Mittelohrschwerhörigkeit könne darüber hinaus durch ein Cholesteatom hervorgerufen werden. Entgegen den zuvor geschilderten Anomalien müsse bei dieser Majorform der chronischen Otitis unbedingt operiert werden. Denn hierbei sei die Haut ins Mittelohr gewachsen. „Die Haut kann nicht gereinigt werden, es kommt zu einer Überwucherung mit Bakterien und anschließend zur Auflösung des Knochens.“ Ziel der Operation sei der Trommelfellverschluss, der Hörerhalt sowie die Hörverbesserung. Bei Eingriffen im Mittelohr könne es generell zu Komplikationen wie Geschmacksstörungen, Schwindel oder auch Gehirnhautentzündungen kommen. Zum Schluss ging der Experte noch auf Knochenleitungshörgeräte ein: „Funktioniert das Mittelohr beispielsweise nach einer Cholesteatom-Operation nicht mehr, weil alles vernarbt ist, erreicht man bei dem Patienten durch diese Geräte wieder eine bessere Hörbarkeit und Ansprechbarkeit.“

Neben diesen Fachvorträgen gab es weitere interessante Präsentationen. Kurt Müller, Leiter des Raiffeisen Unternehmerzentrums RUZ, informierte die Kongressbesucher über die Nachfolgeregelung. In den kommenden fünf Jahren werden schweizweit circa 70 000 Firmen übergeben, ließ er seine Zuhörer wissen. Sven Etzold, Head of Business Marketing bei u-blox, Anbieter von hochintegrierten Lösungen für drahtlose Kommunikation und globale Positionierung, sprach über „Das Internet der Dinge – vom Hype zur Realität“.

In dem virtuellen Raum kommunizieren Dinge selbstständig miteinander, wodurch neue Geschäftsmodelle entstehen. Christoph Schwob, Hörakustiker und Pädakustiker, brach eine Lanze für die In-dem-Ohr(IdO)-Geräte und die Invisible-in-the-Canal(IIC)-Geräte. Gleichzeitig nahm er die offene Versorgung mit Domes bei Hinter-dem-Ohr(HdO)-Geräten kritisch unter die Lupe. Außerdem präsentierte Jonas Straumann, Herausgeber der Zeitschrift hearZone, sein überarbeitetes Marketingmodell, mit dem er neue Zielgruppen erschließen möchte.

Nadine Röser