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Treten nach einem Arbeitsunfall Beschwerden auf, liegt die Inanspruchnahme des Unfallversicherers nahe. Dieser ist für die gesundheitlichen Folgen eines Arbeitsunfalles zuständig und übernimmt die diesbezüglich anfallenden Versorgungskosten anstelle der gesetzlichen Krankenversicherung. Doch nicht immer sind die nach einem Arbeitsunfall auftretenden Beschwerden auch eindeutig auf den Arbeitsunfall zurückzuführen.

Sachverhalt

Der als Gießereiarbeiter beschäftigte Kläger stürzte während seiner Arbeit und stieß sich dabei den Hinterkopf. Direkt nach dem Unfall klagte er über Schwindelgefühl und Kopfschmerzen und berichtete, er habe Sterne gesehen. Diese Beschwerden waren sieben Wochen später nicht mehr vorhanden. Allerdings nahm der Kläger fünf Wochen nach dem Unfall erstmals einen Pfeifton im rechten Ohr wahr. Dieser verschwand auch in der Folgezeit nicht mehr, änderte jedoch seinen Frequenzbereich.

Entscheidungsgründe

Das angerufene Sozialgericht Karlsruhe (Az. S 1 U 4293/16) urteilte, dass der Tinnitus des Klägers nicht durch den Arbeitsunfall hervorgerufen worden war. Das Gericht folgte damit den eingeholten Sachverständigengutachten und stellte fest: Der Arbeitsunfall muss für den Gesundheitsschaden wesentliche Bedingung gewesen sein. Die bloße Möglichkeit, dass der Gesundheitsschaden aufgrund des Arbeitsunfalles eingetreten sei, genüge nicht. Ob der Sturz des Klägers wesentliche Bedingung des später eingetretenen Tinnitus gewesen sei, lasse sich aber nicht hinreichend feststellen. Stattdessen führte das Gericht vielfältige Indizien an, wonach der Tinnitus gerade nicht auf den Arbeitsunfall des Klägers zurückzuführen sei: So seien dessen Ohrgeräusche nicht unmittelbar nach dem Unfallereignis aufgetreten, sondern erst fünf Wochen später. Zudem bedürfe es des Hin­zutretens anderer unfallbedingter Störungen des Innenohres. Beim Kläger sei aber weder ein langanhaltender Schwindel noch eine unfallbedingte Hörminderung eingetreten. Sofern der Kläger direkt nach dem Unfall über Schwindelgefühle geklagt habe, seien diese nicht langanhaltend gewesen und lediglich einer leichten Gehirnerschütterung zuzuschreiben. Der Tinnitus des Klägers bestehe dagegen aktuell ohne weitere Beeinträchtigungen des Innenohres. Den isolierten unfallbedingten Tinnitus gäbe es jedoch nicht.

Auch sprächen die Frequenzänderungen des Tinnitus gegen einen Zusammenhang mit dem erfolgten Sturz: Denn nach medizinischen Erkenntnissen bleibe die Frequenz eines traumabedingten Ohrgeräusches regelmäßig stabil. Gegen die Ursächlichkeit des Unfalles für den später aufgetretenen Tinnitus spreche zudem, dass der Sturz auf den Hinterkopf und damit nicht ohrnah erfolgt sei. Da der Tinnitus nach alldem nicht auf den Arbeitsunfall des Klägers zurückzuführen war, oblag es auch nicht der Unfallversicherung des Klägers, für die Kosten der Behandlung aufzukommen.

Für die Praxis

Nicht jede in zeitlichem Zusammenhang mit einem Arbeitsunfall eintretende Gesundheitsbeeinträchtigung wurde wesentlich durch den Arbeitsunfall hervorgerufen. Gerade für den traumabedingten Tinnitus existieren vielfältige medizinische Grundsätze. Interessant ist, dass es nach medizinischen Erkenntnissen keinen isolierten traumabedingten Tinnitus gibt und dass ein traumabedingter Tinnitus keine Frequenzänderungen aufweist.

Allgemein lässt sich aus dem vorliegenden Urteil erkennen, dass die Beweislast für die Unfallbedingtheit der Gesundheitsschädigung allein beim Geschädigten selbst liegt. Dessen Angaben werden sodann durch die vom Gericht gewählten Sachverständigen bewertet. Bis deren Gutachten vorliegen, bleibt der Ausgang eines Gerichtsverfahrens gegen den Unfallversicherungsträger oft ungewiss.

Im Bereich der berufsbedingten Lärmschwerhörigkeit hat die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) jedoch die sogenannten Königsteiner Empfehlungen herausgegeben, an denen man sich zumindest grob orientieren kann. Diese legen Empfehlungen für die Begutachtung einer Lärmschwerhörigkeit fest. Bevor eine Ver­sorgung zulasten des Unfallversicherungsträgers erfolgt, sollten Leistungserbringer jedoch immer auf eine Auftragserteilung des Unfallversicherungsträgers warten. Denn erst mit der Auftragserteilung hat der Unfallversicherungsträger eine positive Entscheidung bezüglich seiner Zuständigkeit getroffen und erkennt die Ursächlichkeit des Arbeitsunfalles für die Gesundheitsschädigung auch tatsächlich an.

Das Urteil zum Fall lesen Sie hier.

Alexandra Gödecke • biha

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