Foto: EUHA/Foto Rechtnitz

Weiter ging es mit Hartmut Richter, Leiter Forschung und Entwicklung bei audifon. Sein Thema war die Teleaudiologie: „Wir machen uns Gedanken darüber, wie wir die Interaktion zwischen Hörakustiker und Kunden durch Dienstleistungsinnovationen verbessern können.“ Gelingen soll dies mit dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt Audio-PSS, das an Produktservicesystemen in der Teleaudiologie forscht. Die Plattformlösung werde auf drei Ebenen entwickelt: auf der Eins-zu-eins-Ebene zwischen Hörakustiker und Hörgeschädigtem, auf der Eins-zu-n-Ebene, wobei mit n die Population aller hörgeschädigten Menschen gemeint ist, und auf der N-zu-m-Ebene. Hier geht es um die Verbindung zwischen der Welt der Hörgeschädigten und der der Normalhörenden.

Im Rahmen von Audio-PSS seien deutschlandweit bislang 600 Hörakustiker danach befragt worden, ob sie sich vorstellen könnten, innerhalb der nächsten fünf Jahre digitale Dienstleitungen in ihren Berufsalltag zu integrieren beziehungsweise wie ihre Kunden auf digitale Angebote reagieren würden, erklärte Richter. Zu den digitalen Dienstleistungen gehören unter anderem Monitoring der Hörgerätefunktionen, digitale Beratungsfunktionen, sofortige Fernanpassung – also Remote-Fitting – durch eine Servicezentrale, Kommunikation mit dem Hörakustiker über eine App oder soziale Netzwerke innerhalb der Community der Hörgeräteträger. Über die Hälfte der befragten Hörakustiker steht digitalen Dienstleistungen positiv gegenüber. Aber es gibt auch viele zurückhaltende Hörakustiker, die sich noch nicht entschieden haben. Besonders gut kam bei den Teilnehmern das Hörtraining an, wohingegen sie die sofortige Fernanpassung durch eine Servicezentrale ablehnten. Ferner wurde das berufliche Umfeld unter die Lupe genommen. Auf die Frage, ob die Mitarbeiter einen Wettbewerbsvorteil durch das Angebot digitaler Dienstleitungen sehen, antworteten 25 Prozent der Teilnehmer mit „Ja“ und 22 Prozent mit „Nein“; 53 Prozent waren sich unschlüssig. Besonders gut schnitt hier das Monitoring der Hörgerätefunktionen mit 59 Prozent ab. Im Vergleich dazu sahen nur 22 Prozent in der sofortigen Fernanpassung einen Wettbewerbsvorteil. Und wie sieht es mit der Akzeptanz von digitalen Services bei den Kunden aus? 35 Prozent der befragten Hörakustiker glauben, dass ihre Kunden auf eine solche Dienstleistung positiv reagieren, 57 Prozent wollten sich nicht festlegen und acht Prozent befürchten eine Ablehnung vonseiten der Hörbeeinträchtigten. Von den zur Auswahl stehenden Services fand das Monitoring der Hörgerätefunktion hier erneut die größte Zustimmung (78 Prozent). Im Ranking ganz unten landeten die sozialen Netzwerke für die Community der Hörgeräteträger – nur 32 Prozent befürworteten diese Dienstleistung im eigenen Arbeitsbereich. Darüber hinaus war die Motivation der Mitarbeiter, ob sie sich beim Chef für die Nutzung von digitalen Dienstleitungen einsetzen, für die Studie von Interesse: 30 Prozent bejahten die Frage, 38 Prozent verneinten sie und 32 Prozent sind zu keiner Entscheidung gekommen. Am meisten würden sich die Befragten wieder für das Monitoring der Hörgerätefunktionen einsetzten (43 Prozent) und am wenigsten für die sofortige Fernanpassung (20 Prozent).

Schließlich warf Richter einen Blick auf die Technik und zeigte auf, was innerhalb des Projektes bereits umgesetzt wurde und was möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt realisiert werden könnte. Auf der Eins-zu-eins-Ebene ist der Nutzer über eine App mit seinem Smartohone verbunden. Die App wiederum kommuniziert mit einem Server, der mit einer Datenbank verbunden ist. Den gleichen Weg schlägt der Hörakustiker ein – so kann er mit seinem Kunden kommunizieren und ihm Services anbieten. Und was ließe sich auf der Eins-zu-n-Ebene zum Beispiel in Sachen Szenenklassifizierung realisieren? Man könnte die Daten vieler sammeln, sie auswerten und die einzelnen Anwender davon partizipieren lassen. Befindet sich ein Hörsystemträger in einer bestimmten Situation, werden bestimmte Eckparameter der Umgebung an den Server gesendet und nach einer Feinjustierung bekommt der User eine für ihn individuelle, angepasste Szenenklassifizierung. Und was die N-zu-m-Ebene anbelangt, wäre eine akustische Bewertung von öffentlichen Orten wie Restaurants möglich, die auch Normalhörenden zugutekommen würde.

Im Rahmen von Audio-PSS habe man zudem mit dem Aufbau einer akustischen Szenendatenbank begonnen, in die reale, binaurale Aufnahmen eingepflegt wurden. Von Bedeutung waren Situationen, die für den Hörgeräteträger realistisch und relevant sind, unter anderem mit vielen Sprechern. Teilweise wurden die Soundumgebungen auch mit Sprachsignalen gemischt. „Das System hatte dann die Aufgabe, die Situationen zu klassifizieren, das wurde dem Netzwerk in der Cloud antrainiert. Wenn der Hörgeräteträger draußen unterwegs ist und Höreindrücke auf ihn einwirken, bekommt er aus der Cloud eine Empfehlung, dass das Hörgerät die Parameter verändert. Anschließend bitten wir ihn um ein Feedback, ob die Einstellung optimal ist oder nicht. Diesen Prozess haben wir mit vielen Hörgeräteträgern durchgeführt und die Feedbacks auf das System zurückgespielt, sodass es sich immer weiter optimieren konnte.“ Wer Interesse habe, könne an dem Projekt, das noch bis Mitte des Jahres laufe, teilnehmen – mit diesen Worten beendete Richter seinen Vortrag.      Nadine Röser

 

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