Am Internationalen Frauentag erheben nicht nur, aber besonders Frauen ihre Stimme gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Ob man(n) einer Frauenstimme aber auch zuhört, hat nicht unbedingt etwas mit dem Inhalt des Gesagten zu tun.


Dr. Michael Hunter, Wissenschaftler von der Universität Sheffield, hat untersucht, wie das männliche Gehirn weibliche Stimmen wahrnimmt (Magazin NeuroImage, Vol 27, 3, September 2005). Den zwölf männlichen Teilnehmern der Studie fiel es schwerer, einer weiblichen Stimmen zuzuhören und den Inhalt zu verstehen, als bei männlichen Stimmen. Er begründet dies damit, dass weibliche Stimmen melodiöser seien und einen komplexeren Frequenzumfang haben. Sollen Frauen jetzt also tiefer sprechen, wenn sie verstanden werden wollen?

In der Tat hat Sprechwirkungsforscher Walter Sendlmeier von der TU Berlin herausgefunden, dass sich in europäischen Gesellschaften die Stimme der Frau in den letzten Jahrzehnten durchschnittlich um eine Terz, also um zwei bis drei Halbtöne, gesenkt hat. Eine Folge der Emanzipation, vermuten Soziologen, denn tiefe Stimmen werden mit Einfluss und Stärke verbunden. Forscher fanden sogar Unterschiede zwischen einzelnen Ländern, was diese These stützt: So sind etwa die Stimmen von Norwegerinnen tiefer als die der Britinnen oder Italienerinnen. Das sei möglicherweise auch damit zu erklären, sagt Sendlmeier, dass die Emanzipation in Skandinavien weiter fortgeschritten sei.

Auch außerhalb Europas ist die Sprechweise einer Frau deutlich von gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst. Unter amerikanischen Frauen in ihren Zwanzigern gibt es den starken Trend, mit der Stimme bis an die untere Grenze ihres Sprechumfanges zu gehen. Das Resultat ist ein knarrendes Geräusch, das von den flatternden Stimmbändern produziert wird (Strohbass, englisch: vocal fry). Was für Logopäden als Sprechstörung gilt, wird von gleichaltrigen Frauen als gebildet, urban, und zielstrebig wahrgenommen. Gleichzeitig haben viele junge Amerikanerinnen schon länger die Eigenheit, am Ende eines Satzes wie bei einer Frage mit der Stimme nach oben zu gehen, auch wenn es sich eigentlich um eine Aussage handelt. Linguisten nennen dies „uptalk“.

In Japan hingegen, wo die Geschlechterrollen vergleichsweise konservativ sind, gilt es als besonders feminin und gebildet, mit einer hohen Stimme zu sprechen. Dies deckt sich mit der Forschung zur Attraktivität von Stimmen, die Yi Xu am University College London durchgeführt hat (Fachmagazin Plos One, April 24, 2013). 42 Männer und Frauen mussten unterschiedlich gesprochene Wortfolgen anhören und beurteilten. Ein zartes Hauchen und eine hohe Tonlage – man denke an die Stimme von Marylin Monroe – ließ Frauenstimmen begehrenswerter erscheinen. Die Forscher vermuten, dass eine höhere Tonlage und ein hauchendes Sprechen bei Frauen dementsprechend eine kleinere Statur widerspiegeln und dies von Männern als attraktiv empfunden wird. Wird die Stimme allerdings zu hoch und damit zu kindlich, beurteilten die Zuhörer sie jedoch als weniger attraktiv.

Allzu hohe Frauenstimmen werden jedoch sehr negativ beurteilt, wie eine Umfrage des Hörgeräteonlineportales Audibene ergeben hat. 1002 Hörgeräteträger wurden danach gefragt, welches Geräusch sie am liebsten hören. Für mehr als jeden zweiten Umfrageteilnehmer (54,1 Prozent) zählen „schrille Frauenstimmen“ zu den Geräuschen, die „nicht zu ertragen sind“. Eine solch negative Beurteilung der Stimme muss sich auch so manche Politikerinnen gefallen lassen. Als Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton vor kurzem in einer Fernsehdebatte die Stimme erhob, gaben sogar einige ihrer Wähler zu, die Stimme sei unangenehm, nörgelnd, und schrill. Über ihren männlichen Kontrahenten Bernie Sanders wurde nichts Vergleichbares berichtet. Aber das Wissen um die Macht einer tiefen Stimme ist nicht neu: Schon Margaret Thatcher, die von 1979–1990 Premierministerin von Großbritannien war, senkte ihre Sprechstimmlage durch intensives Training um eine halbe Oktave. Die Stimme spiegelt also nicht nur Gemütszustände wieder. Sie ist auch Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen und Erwartungen. Am heutigen Frauentag ist jeder Frau zu wünschen, dass sie ihre eigene Stimme findet, artikulieren kann und gehört wird. Ob hoch oder tief.

Pierre A. Thomé

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