Aus der Ausgabe
10/2012

Mit der Ruhe ist das so eine Sache. Hat man sie nicht, wünscht man sie sich herbei. Ist sie dann da, weiß man oft nichts mit ihr anzufangen. Wie viel Stille erträgt also der Mensch? Antworten auf diese Frage gibt Ihnen die Hörakustik ausführlich in der Oktoberausgabe (10/2012). Die ist Ihnen entgangen? Dann haben Sie nun hier Gelegenheit, den Beitrag komplett nachzulesen.

Hörakustik - einfach mehr wissen!


GerhardWanzenboeck-fotolia.comSounddesign der Zukunft

»Stille ist, wenn man gar nichts hört. Stille ist schwierig.«
Gerald Fleischer, Gehörforscher

Wie viel Stille erträgt der Mensch?

Lärmverschmutzung mit ihren negativen Auswirkungen auf die Gesundheit gehört längst zu den großen Umweltthemen unserer Zeit. Gerade Großstädter sehnen sich nach Ruhe und Schutz vor urbaner Dauerbeschallung. Doch was bedeutet der Rückzug in die Stille – und wie bekommt diese unseren Ohren? Gehörforscher und Psychoakustiker haben hierzu ihre ganz eigenen Ansichten entwickelt. Mit ihren Untersuchungen nehmen sie vorweg, wie geräuscharm die Metropolen von morgen klingen könnten.

Rubén Ribas leistet sich einen ganz besonderen »Luxus«: Jeden Morgen auf dem Weg ins Büro,wenn er sich auf sein Fahrrad schwingt,lässt er seine beiden Hörsysteme einfach im Etui stecken. Von seiner Wohnung im Berliner Stadtteil Kreuzberg bis zur Arbeit im benachbarten Bezirk Mitte ist der gebürtige Katalane etwa 20 Minuten unterwegs: durch den Verkehrslärm der Rushhour, vorbei an hupenden Wagenkolonnen und lauten Baustellen, gelegentlich beschallt vom ohrenbetäubenden Sirenengeheul der Rettungsfahrzeuge, geradeaus durch enge, hohe Häuserschluchten, die den Großstadtkrach noch verstärken – und auch das typische, wegen seiner Frequenzen nervige Geräusch von Berlins anfahrenden und bremsenden »Heulbojen«, der S-Bahn, tut sein Übriges, um schon am frühen Morgen lärmgestresst in den Bürosessel zu sinken.

Doch das gilt nicht für Rubén Ribas, denn ohne Hörsysteme dringt der Lärm nur gedämpft zu ihm herüber. »Es klingt so, wie normal Hörende vermutlich den Lärm durch Ohropax wahrnehmen«, sagt Ribas. Dass die berühmten Ohrenstöpsel ausgerechnet in Berlin erfunden wurden, dürfte kaum jemanden wundern – denn schon vor über 100 Jahren war’s hier ohrenbetäubend laut.

Stillster Ort der Erde

Mehr als 7 000 Kilometer westlich von Berlin, in der größten Stadt des US-Bundesstaates Minnesota, ist es auch ohne Ohropax mucksmäuschenstill: In Minneapolis befindet sich nämlich laut Guinnessbuch der Rekorde der stillste Ort der Erde: der schalldichte Raum der Firma Orfield Laboratories. In der Kammer werden unglaubliche 99,99 Prozent des Schalls absorbiert. Dabei handelt es sich um einen Raum in einem Raum in einem Raum; isoliert mit doppelten Stahlwänden, einer Betonbarriere sowie einem Schallabsorber aus Glasfasern. Doch wer glaubt, hier umfange einen himmlische Ruhe, der irrt sich gewaltig. Während nahezu der gesamte Schall außerhalb des Körpers verschluckt wird, hört man im eigenen Inneren, wie das Herz pumpt, das Blut pulsiert, der Magen grummelt, sich die Lunge bläht und die Ohren rauschen. Da das Gehör in dem schalltoten Raum quasi kein Feedback hat, verliert ein Mensch schnell die Orientierung und sogar die Balance. Je länger man in der Kammer verweilt, desto sicherer stellen sich visuelle und klangliche Halluzinationen ein. »Länger als 45 Minuten hat es hier noch keiner ausgehalten», sagt Firmengründer Steven J. Orfield.

Die schallfreie Kammer kann für einen Kurzbesuch ohne Eintrittsgeld betreten werden, es wird lediglich um eine Spende für ärmere Menschen gebeten. Bei längeren Besuchen werden die üblichen Laborpreise berechnet. Übrigens: Der stillste Ort in der natürlichen Umgebung des Planeten liegt natürlich nicht in Minneapolis, sondern – so mutmaßen australische Astronomen – in der Antarktis, auf einem Plateau in über 4 000 Metern Höhe. Der Ort wird jedoch nicht der Akustik, sondern der Optik wegen geschätzt, denn hier ist es so still, trocken und kalt, dass nichts den Blick ins Weltall trübt – ein idealer Ort für eine Sternwarte also, um schärfere Bilder aufzunehmen.

Kritisches Hören

In dem einstöckigen Gebäude im Seward-Viertel an der Ecke 27. Avenue und 25. Straße, das Orfield 1990 erwarb, ging es nicht immer so still zu, denn hier befand sich das weltweit erste Digitalstudio, in dem berühmt gewordene Songs von Bob Dylan, Prince und Dave Brubeck aufgenommen wurden. Steven J. Orfield verwandelte das Studio zu jener Forschungsstätte für Produktakustik, die ermittelt, wie Fahrzeug-, Marken- und Werbeklänge klingen sollten, um zum Erfolgsschlager zu werden. Zwar nutzt die US-Weltraumbehörde NASA die Kammer für ihre Astronauten, um sie an die Stille im All zu gewöhnen. Doch ihre eigentliche Funktion besteht darin, Produkte im Hinblick auf ihr jeweiliges Sounddesign zu testen. Ob Hörgeräte, Herzklappen, Fahrzeugteile, Festplatten oder Schlafatemtherapiegeräte: Die Kammer mit ihrem Hintergrundgeräuschlevel von minus 9,4 Dezibel (dB) verschafft Orfields Firmenkunden einen möglichst klaren Eindruck davon, wie sich ein Produkt anhört.

»Schalltote Räume sorgen für eine perfekte Hörumgebung, weil sie uns erlauben, kritisch zu hören«, sagt Orfield, der die Kammer 1995 vom Hausgerätehersteller »Sunbeam« in Chicago erwarb. Zu den Kunden gehören neben American Airlines, Black & Decker, Burger King, Harley-Davidson sowie Sony auch der Hörgerätehersteller Starkey Laboratories und die deutsche Firma Sennheiser, die vor allem Mikrofone und Kopfhörer produziert. Für die Motorrad-Kultmarke Harley Davidson wurde zum Beispiel getestet, ob der unverwechselbare Sound einer Harley-Maschine nicht zu laut für europäische Lärmrichtlinien ist – und nach aufwendigen Testreihen entsprechend geändert.

0213 Antarktik-WC

So sieht Stille aus: In der Antarktis, wie hier auf dem Mount Herschel, findet man noch so einige stille Plätzchen.

Zentrum der Hörgeräteindustrie

Minneapolis hat nicht nur den stillsten Ort der Welt, sondern ist auch Hauptsitz der US-amerikanischen Hörgerätebranche. Deshalb bieten die Orfield-Laboratorien regelmäßig Seminare zur Klangqualität an und betreiben intensiv Forschung für viele Hörgerätehersteller. »Zu den Wünschen unserer Hörakustikkunden zählen Verständlichkeit, Hören im Störgeräusch, Richtcharakteristik, universelle Hörsysteme, und natürlich steht an vorderster Stelle die Klangqualität. Für die Firma Starkey, die auch in Minnesota beheimatet ist, haben wir das neueste Akustiklabor entworfen«, sagt Steven J. Orfield. Um die Zukunft seiner einzigartigen Forschungsstätte muss sich Orfield nicht sorgen.

»Der wichtigste Aspekt beim Produktsound ist, was im Unterbewusstsein dem Käufer durch Gefühle und Assoziationen suggeriert wird: Hört es sich ›kraftvoll‹ an oder ›hochkarätig‹ oder ›aufregend‹? Und dieser Aspekt der Klangqualität ändert sich von Produkt zu Produkt. Auf diese Weise kann eine Harley für Harley-Fahrer kraftvoll klingen, für Yamaha-Fahrer jedoch grob. In unserer Arbeit mit Kunden wie Harley, Black & Decker, Cessna, Delta, Whirlpool und vielen anderen ist die wichtigste Information jene, die der Verbraucher nicht bewusst wahrnimmt, und genau darum geht es bei der Erforschung der Klangqualität. Als wir 1991 mit unserer Sound Quality Working Group begannen und die amerikanische Betrachtungsweise von Klangqualität mit Blick auf die Marktforschung entwickelten, war diese unterbewusste Wahrnehmung genau der Punkt, an dem wir mit unseren Studien ansetzten. Wir waren nicht direkt an Akustik und Psychoakustik interessiert, obwohl diese Gebiete für die Analyse eine Rolle spielten. Was wir herausfinden wollten, war, was der Kunde bei der Benutzung des Produkts fühlte und glaubte«, sagt Steven J. Orfield über seine erfolgreiche Unternehmensphilosophie.

Weltrekord im Bergwerk

Zurück nach Deutschland. Hier gibt es zwar keinen rekordverdächtigen schalldichten Raum wie in den Orfield Labs, dafür aber sogenannte reflektionsfreie Räume, vor allem an den technischen Universitäten und Fachhochschulen. Diese sind mit gut absorbierendem, schallschluckendem Material ausstaffiert und dienen unter anderem der Vermessung von Lautsprechern, Mikrofonen und Musikinstrumenten. Dabei werden die akustische Leistung und der Schalldruck messtechnisch erfasst und ausgewertet. »Am liebsten ist mir aber ein realistisches akustisches Umfeld mit einer angenehmen und intakten Schalllandschaft«, sagt Friedrich Blutner. Der promovierte Klangforscher und Sounddesigner untersucht seit mehr als drei Jahrzehnten die Wirkungen des Schalls auf den Menschen – ein Spezialgebiet, das als Psychoakustik bekannt ist.

Blutner hat sich dabei einen besonders stillen Winkel zum Arbeiten ausgesucht: Seine Firma, die Synotec Psychoinformatik GmbH, liegt direkt am Geyerschen Wald im sächsischen Erzgebirge. Er ist überzeugt, dass der Minneapolis-Rekord zu übertreffen ist – indem man eine schallresistente Kammer 400 Meter tief in einem Bergwerk errichtet: »Dort könnte man sicherlich den Weltrekord von minus 40 Dezibel aufstellen.«

0213 Stillster OrtVielfalt der Stille

Im Mittelpunkt von Blutners akustischem Interesse steht nicht selten das Auto: Klappert oder knistert der Motor? Wie lässt sich das störende Dieselrasseln zu einem halbwegs angenehmen Geräusch umwandeln? Wie hört sich das Zuschlagen der Tür bei verschiedenen Automarken an? Ein besonderes Augenmerk gilt den Elektroautos und ihrem zukünftigen Platz in der städtischen Geräuschlandschaft. »Der Elektromobilität kommt eine große Rolle bei der harmonischen Gestaltung akustischer Lebenswelten zu. Denn elektronische Motoren sind still. Die Sehnsucht nach Stille und lebendiger Klangvielfalt wird maßgebend dafür sein, wie das zukünftige Elektroauto einmal klingen wird«, prophezeit Blutner.

Hektik in der Großstadt ist ein vertrautes Phänomen. Vielleicht rennen wir, weil wir vor dem Stadtlärm flüchten möchten?

Authentischer Höreindruck

Auch die Klangwelt der Haushaltsgeräte wird parallel zu den sich ändernden Höransprüchen der Kunden einem genauen Hörtest unterzogen: Während die Stiftung Warentest die allgemeine Qualität von Abzugshauben, Kühlschränken oder Waschmaschinen untersucht, betreibt Blutners Firma eine Art akustisches Benchmarking der einzelnen, auf dem Markt erhältlichen Produkte. »Ich versuche herauszufinden, wie solche Geräte für die Kunden klingen. Dabei unterscheide ich zwischen bösen und guten Anteilen, zwischen Stör- und Soundmustern«, erklärt er.

Anders als bei der Absorption von Schall arbeitet Blutner mit einer Aufnahmetechnik, die sich Kunstkopfstereofonie nennt. Dabei handelt es sich um eine sogenannte binaurale Tonaufnahme: Schallsignale werden mit Mikrofonen aufgenommen, die bei der Wiedergabe über Kopfhörer einen natürlichen Höreindruck mit genauer Richtungslokalisation erzeugen. »Wir arbeiten kundennah. Daher ist der akustische Kontext sehr wichtig. Ein schallfreier Raum mit ausgeblendeten Störgeräuschen ermöglicht keine plastische Wiedergabe der räumlichen Schallsituation. Man muss unbedingt das Gefühl haben, sich wirklich mitten in einem Raum zu befinden«, meint Blutner.

Klang statt Lärm

Das Bedürfnis nach weniger Lärm und mehr Wohlklang nimmt stetig zu. Um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen, untersucht der Psychoakustiker die Macht der Töne auf den Menschen – vor allem jene Archetypen, die das Ohr im Laufe der Evolution zu einem hochsensiblen Alarmorgan ausgeformt haben. So erklärt sich Blutner auch, warum im lauten Berlin, seinem »akustischen Trauma«, oder in anderen Metropolen alle immerzu rennen: »Die Leute sind auf der Flucht – in die sie der Lärm schlägt«, ist Blutner überzeugt.

Doch nicht nur Lärm versetzt die Menschen in Alarmbereitschaft. Auch das Gegenteil davon, die Stille, wird als Bedrohung empfunden, zumindest für lärmgestresste Menschen, beispielsweise beim Einkaufen im Kaufhaus oder beim Besuch eines Fast-Food-Imbisses. Doch nicht erst im späteren Leben verlernt der Mensch, mit Stille umzugehen, schon im Mutterleib geht es alles andere als leise zu, vernimmt das ungeborene Kind das Pochen des mütterlichen Herzens, »Verdauungslärm « und von außen eindringende Umweltgeräusche.

Vertonung der Welt

Aus diesem Grund rät Gehörforscher Gerald Fleischer, Autor des im Median-Verlag erschienenen Buches »Gut hören – Heute und Morgen«, dringend zu einem unverkrampfteren Verhältnis zur Lärm-Stille-Problematik. »Lärm lässt sich zwar als akustischer Abfall bezeichnen, aber auch die Stille ist gewöhnungsbedürftig und will erlernt sein. Denn letztendlich geht es nicht um Stille oder gar Totenstille, die für den Menschen unheimlich und kaum zu ertragen ist, sondern um Ruhe in einer angenehmen Hörumgebung. Insofern sollten wir gelassener reagieren und die vielfältigen Möglichkeiten nutzen, den urbanen Raum von morgen akustisch zu gestalten«, sagt der inzwischen emeritierte Professor aus Gießen.

Ob dabei ein »Reinheitsgebot für Fahrzeugklänge« den Lärmschutz verbessert oder eine Technologie bei der Stadt- und Verkehrsplanung den Klang der Metropolen qualitativ erfasst: »Die ›Vertonung der Welt‹ unter Aspekten der Nachhaltigkeit könnte die neue Vision für eine mobile Zukunft sein, an deren Ende eine harmonische Klangvielfalt über die Lärmkloaken den Sieg davontragen könnte«, hofft Blutner. Am 17. und 18. Oktober 2012 wird Blutner seinen idyllischen Arbeitsort am Waldrand von Geyer gegen die um einige Dezibel lautere Bundeshauptstadt eintauschen müssen: Denn im Dorint Hotel in Berlin-Adlershof wird er als Redner und Moderator des 5. Sounddesignforums erwartet (www.sounddesignforum.de). Unter dem Motto »Harmonische Gestaltung akustischer Lebenswelten« stellen Experten verschiedene Lösungen vor, zum Beispiel wie durch den Einsatz innovativer Gestaltungsmerkmale ein unverwechselbares Soundprofil entsteht, mit dessen Wohlklang der Käufer das Produkt emotional identifiziert, wie integrierte Klangkonzepte für mehr Lebensqualität im urbanen Raum sorgen oder wie man Klangoasen in der Küche durch den richtigen Sound von Haushaltsgeräten schafft. Und natürlich geht es auch um die zukünftigen Klänge des Autos.

Dr. Herman Nilson

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