Ausstellernachrichten 2017


Nachlese des 62. Internationalen Hörakustiker-Kongresses in Nürnberg

8 300 Gäste aus 83 Ländern besuchten in diesem Jahr Fachvorträge oder die Industrieausstellung mit ihren 135 Ausstellern, die an ihren Ständen Produkte rund um die Hörakustik präsentierten. Auf den nachfolgenden Seiten stellen die Teilnehmer der Industrieausstellung ihre Messehighlights 2017 noch einmal vor – für alle, die sich an ihren Besuch in Nürnburg zurückerinnern wollen, und für jene, die nicht vor Ort sein konnten und sich nun nachträglich informieren möchten. Für die Richtigkeit aller Angaben sind die Firmen jeweils selbst verantwortlich.

Zur Übersicht der Ausstellernachrichten …

Mit Herzblut für die individuellen Hörbedürfnisse

Im südlichen Burgenland wird fündig, wer sich auf die Suche nach Knochenleitungshörern begibt – ein Nischenprodukt, das aber weltweit Beachtung findet. Gefertigt werden diese Lösungen für Menschen mit Hörminderung bei BHM-Tech in Grafenschachen mit viel Erfindergeist und sympathischer Bodenständigkeit. Anja Hübel und Björn Kerzmann besuchten dort den Geschäftsführer Franz Berl, der über die ereignisreiche Geschichte des Unternehmens sowie über seine besonderen Produkte sprach und gemeinsam mit Daniela Pfeffer, Manager Marketing & Customer Service, durch die Fertigungshallen führte. Mit BHM-Tech begonnen hat alles im Sommer 2002, als nach der Verlagerung der Produktion auch die Entwicklung der Viennatone-Geräte nach Asien und nach Dänemark verlegt wurde. Der Schock darüber saß tief, er war für Franz Berl aber auch ein wesentlicher Antrieb. Er sprang also ins kalte Wasser, kaufte die Maschinen und gründete BHM-Tech nur einen Monat nach der Schließung von Viennatone im August 2002. Bis die ersten gewerblichen Aktivitäten im Oktober starteten, „habe ich im Schutt gesessen mit einer Rufleitung von der Feuerwehr über ein Modem. Das war mein Kontakt nach draußen“, erinnert sich Berl. Die Nächte waren lange, die Tage begannen früh, aber die Mühe sollte sich schon bald gelohnt haben.

In der Anfangszeit geholfen hat die Zusammenarbeit mit GN ReSound, unter deren Dachmarke sich neben Viennatone auch ReSound, Danavox, Beltone, Philips sowie GN Otometrics vereinten. Da die Hersteller fünf Jahre lang die Lieferung der Ersatzteile für ihre Hörgeräte garantieren mussten, konnte BHM-Tech mit dem nötigen Know-how und den nötigen Geräten diesen Auftrag übernehmen. Es entstand so etwas wie eine Symbiose: „Die haben uns gebraucht und wir sie“, so Berl über die damalige Zusammenarbeit. Dabei war GN ReSound natürlich auch bei den Gesprächen mit den Lieferanten wichtig, um deren Anerkennung man bei BHM-Tech zunächst hart kämpfen musste.

Nachdem der Vertrag mit der Ersatzteilfertigung ausgelaufen war, entschloss man sich ein erstes eigenes Produkt auf den Markt zu bringen: die digitale Knochenleitungshörbrille AN-Evo1. Sie wurde so konstruiert, dass man damit auch die alten Viennatone-Hörer nachversorgen konnte: mit einer zweikanaligen Hör-brille, einem Steller für die Tiefenabsenkung und einem Hochpassfilter für eine bessere Sprachverständlichkeit. Die weltweit erste digital programmierbare Knochenleitungshörbrille trägt die Verbundenheit mit Viennatone noch im Namen (AN), in dem sich aber auch ein Bezug zu Ferrari (Evo1) finden lässt.

„Der Wunschgedanke zählt“, schmunzelt Berl, der selbst einen BMW fährt. Mit diesem ersten Produkt begann auch der langsame, aber stetige Aufstieg des Unternehmens von anfänglich drei auf mittlerweile bis zu 30 Mitarbeitern, die sich um die Entwicklung, um das Qualitätsmanagement, die Administration und nicht zuletzt um die Fertigung kümmern. Denn wie bei allen anderen Geräten auch wird der Knochenleitungshörer komplett in Grafenschachen gefertigt. Hier wird der Hörer selbst magnetisiert und mit dem Herzstück, der Spule, versehen. Das in Folge entwickelte Produkt, die contact star evo1, hat ebenfalls noch einen historischen Bezug. Denn auch bei Viennatone gab es die Knochenleitungsbrille Contactstar. Das modernere Modell von BHM-Tech ist allerdings deutlich schlanker als sein Vorgänger und entspricht der neuesten Technologie mit Equalizer sowie Rausch- und Rückkopplungsunterdrückung. In situ ist die contact star evo1 mit acht Kanälen frei programmierbar.

Mit der Entwicklung und Fertigung dieser Hörhilfen begann Berl auch damit, sukzessive weitere Maschinen hinzuzukaufen oder eigene Maschinen zu konstruieren, um die Qualität der kleinsten Bauteile zu gewährleisten. Damit diese auch entsprechend verarbeitet werden, sind in der Fertigung von BHM-Tech vor allem Frauen tätig, die vorher im Schmuck- oder Juwelierbereich gearbeitet haben und damit über das nötige Fingerspitzengefühl verfügen. Bei der Begegnung mit diesen und weiteren Mitarbeitern von BHM-Tech während der Führung durch das Gebäude kann man diese Miniaturarbeit − aber auch die Nähe zum Geschäftsführer − erleben, der alle Mitarbeiter persönlich vorstellt.

Die noch überschaubare Größe ermöglicht es Franz Berl auch auf individuelle Bedürfnisse einzugehen. Als er vor Jah-ren von Kindern in Rumänien erfuhr, die ohne Ohren, mit rudimentären Ohren oder mit einem geschlossenen Ohrkanal auf die Welt kommen, versuchte er sich an einer Lösung. Das Produkt, das er dabei entwickelte, war das weltweit erste digitale Miniaturknochenleitungshörsystem contact mini, das schlussendlich zu einem Verkaufsrenner bei BHM-Tech wurde.

Es besteht aus einem Elektronikgehäuse und einem Miniaturvibrationshörer, die voneinander getrennt sind, um Rückkopplungen zu vermeiden. Der Hörer überträgt den Schall durch direkten Kontakt auf den Kopf, wo er im Innenohr in einen Nervenreiz umgewandelt wird. Verbergen lässt sich das contact mini unter einem Haarreifen, einem Stirnband oder einer Baseballkappe. Das schwierigste Unterfangen bei contact mini war die Suche nach einem Hersteller in Deutschland oder Österreich, der die Produktion der Haarreifen in kleinen Margen übernimmt, erinnert sich der ideenreiche Geschäftsführer.

Da dies nicht gelang, wurde Berl kurzerhand selbst zum Lieferanten von biokompatiblen Haarreifen, die sich mit verschiedenen Dekorelementen verschönern lassen. Eine Änderungsschneiderei um die Ecke näht die Kunststoffteile in die Haarbänder ein. Bis nach Australien werden die kleinen Hörhilfen mittlerweile verschickt.

Unter anderem wurde das Miniaturknochenleitungshörsystem auch an einen Marathonläufer verkauft, der BHM-Tech seine Mütze und sein Stirnband zugeschickt hatte. Er bat BHM-Tech darum, darin das contact mini mit einem Windschutz einzubauen. „Er hat es sehr günstig bekommen, mit der Bedingung, dass er uns darüber einen Bericht schreibt“, erzählt Berl. Denn mit den Erfahrungen und Wünschen der Träger lerne man etwas und sitze nicht mehr nur auf einer Insel, wo man nicht weiß, was der Träger gerade für ein Feedback benötigt. „Ich trage alle Geräte selbst, bevor ich sie verkaufe“, resümiert Berl.

Dabei könne man viel lernen und auch die Leute verstehen, die nach langer Zeit wieder neu hören. „Man glaubt gar nicht, welche Geräusche einen dann extrem stören können und verstehe dann, dass Menschen mit Hörproblemen sukzessive lernen müssen, dass es auch störende Geräusche geben kann.“

Im Jahr 2013 erwarb Franz Berl die Manufakturrechte der Coselgi-Hörbrillen, das heißt die Produkte, Werkzeuge sowie die Lieferanten- und Kundenliste. Eine Möglichkeit, die sich bot und mit der man das Portfolio um die Luftleitungsbrillen erweitern konnte. Entwickelt wurde im Zuge dessen die Luftleitungsbrille pan mit einem Hals-Nasen-Ohren(HNO)-Modul, das an eine Brille montierbar ist. Mit den nach vorne ausgerichteten Mikrofonen soll pan seinen Trägern eine gute Richtwirkung bieten. Nach Italien, wo Coselgi stark aufgestellt war, werden immer noch die meisten dieser Hörbrillen über Amplifon und andere Distributoren verkauft, so Berl. Ein weiterer guter Markt für die Hörbrillen sei Japan, wo ebenfalls historische Wurzeln, in diesem Fall von Viennatone, für einen guten Absatz sorgen. Und schließlich sei auch der deutsche Markt wichtig, in dem man zwar nicht das „Big Business“ erreiche, dafür aber ständig wachse.

Das habe er, betont Berl, auch seinem deutschen Kollegen Henning Bruckhoff zu verdanken, der viel für das Image der Knochenleitungsbrille gekämpft und nicht zuletzt in Lübeck viel Aufklärungsarbeit geleistet habe. Mit Bruckhoff war man in freundschaftlicher Zusammenarbeit verbunden. Man habe sich zusammengesetzt und Erfahrungen ausgetauscht. Wichtig war der Kampf von Bruckhoff vor allem, um die Akustiker an die Knochenleitungsbrillen heranzuführen. Denn sie würden häufig doch eine gewisse Scheu im Umgang mit diesen Hörsystemen zeigen, insbesondere bei der Biegung der Brille, der sogenannten Ventilette.

Dabei liegen die vielen Vorteile der Knochenleitungsbrillen auf der Hand: die Eingewöhnungsphase ist viel kürzer, eine Operation, bei der auch alle noch funktionierenden Hörhärchen verloren gehen, kann zunächst umgangen werden und der Eingriff ist einfach viel geringer. „Was heute alles schon operiert wird, ist grenzwertig“, gibt Berl zu bedenken. „Ich finde es nicht in Ordnung, dass die Kosten für ein teures Implantat komplett übernommen werden, während manche anderen sich kaum ihr Hörgerät leisten können. Da ist etwas falsch im System.“ In Österreich sind die Knochenleitungshörer früher unter die Sonderprodukte gefallen, seit einigen Jahren gelten sie aber als Hilfsmittel, weshalb die Träger nun auch für diese Systeme einen Zuschuss erhalten.

Wie bei der Hörbrille pan war auch bei dem Taschenhörgerät apollon die griechische Mythologie der Namensgeber. Der Gott des Lichtes, der Kunst, des Frühlings und der Heilung stand Pate für das weltweit stärkste digital programmierte Hörsystem mit 95 dB Verstärkung und 154 dB SPL Ausgangspegel. Der Hauptgedanke bei der Entwicklung war es, so Berl, dem Nutzer und den pflegenden Angehörigen ein einfaches Bedienelement an die Hand zu geben. Menschen, die aufgrund ihres Alters oder ihrer beruflichen Lebensgeschichte über keine feine Motorik mehr verfügen, sollten das Gerät ganz einfach bedienen können. Ein induktives Signal sowie ein direkter Audioeingang ermöglichen die einfache Anbindung an MP3-, Funk- und Bluetooth-Systeme.

Dabei können beide Ohren auch unterschiedlich versorgt werden über die Luftleitung oder die Knochenleitung, monaural, binaural oder mit einem externen Mikrofon. Im Angebot von BHM-Tech findet sich auch noch ein analoges Hörgerät mit echtem Seltenheitswert. Die Viper 170P (deren Name sich auf Viennatone bezieht) ist das letzte analoge Hörgerät.

„Viele ältere Menschen haben Probleme, den digitalen Sound zu verstehen. Denn das menschliche Ohr ist eigentlich analog. Wir jüngeren Menschen mögen daran gewöhnt sein, für Ältere kann der Klang aber durchaus ungewöhnlich sein“, begründet Berl seine Entscheidung für die Viper, die häufig auch als Ersatzgerät gekauft werde. International wird es im beschaulichen Grafenschachen immer mal wieder, wenn BHM-Tech dort Schulungen für Akustiker aus aller Welt anbietet, die mehr zum Service und zur Reparatur von Knochenleitungshörsystemen erfahren möchten. Grundsätzlich sind die Hörakustiker in Österreich und Deutschland ausreichend geschult für die Versorgung und den Umgang mit Knochenleitungshörsystemen, eine spezielle Schulung ist aber sicherlich hilfreich.

Denn laut Berl sind die Knochenleitungshörer doch eigentlich die anspruchsvollsten Hörgeräte, da es neben der akustischen auch die mechanischen Rückkopplungen zu berücksichtigen gilt. Zudem erfolgt eine doppelte Anpassung – von Brille und von Hörgerät. Dabei müsse man die audiometrische Anpassung vornehmen, die Biegung zum Kopf und die Auswahl des passenden und gut sitzenden Brillengestelles. Mit einem Blick in die Zukunft wolle man deshalb auch daran arbeiten, die Biegung noch weiter zu vereinfachen sowie kleinere und schlankere Bügel zu entwickeln, die das Stigma der Hörprothese mindern. Wir sind uns sicher, dass wir bald noch mehr von dem Erfindergeist aus Grafenschachen vernehmen werden.

Anja Hübel

Aktuelle Ausgabe

Unser Buchshop

Impressum | Kontakt | Datenschutz | Autorenrichtlinien | Mediadaten | Aktuelle Ausgabe

Copyright © 2017 hoerakustik.net