Foto: Gudrun Porath

Die Pressemitteilung am 16. Mai 2018 schlug in der Branche ein wie eine Bombe. Mit dem angekündigten und von den Wettbewerbsbehörden noch zu genehmigenden Merger der beiden Hörgerätekonzerne Sivantos und Widex würde der weltweit drittgrößte Hersteller von Hörgeräten entstehen. Wir hatten die Gelegenheit, mit dem Geschäftsführer der deutschen Niederlassung von Sivantos, Christian Honsig, über diesen Mega-Deal zu sprechen.

Hörakustik: Herr Honsig, am 16. Mai 2018 wurde die Zusammenarbeit von Sivantos und Widex in Form eines Mergers „unter Gleichen“ bekannt gegeben. Worum geht es dabei?

Christian Honsig: Wie Sie richtig sagen, handelt es sich um einen Merger und nicht um eine Akquisition. Beide Unternehmen werden aber nicht miteinander verschmolzen, sondern gehen zusammen in ein Unternehmen ein. Wenn man sich die groben Tendenzen im Markt ansieht, investieren Wettbewerber von uns in den Retail und schaffen Differenzierung, indem sie Vorwärtsintegration betreiben. Bei uns hingegen entsteht eher ein Technologieunternehmen, mit all den Möglichkeiten, die in einer solchen Lösung stecken. Da sind wir dann auch schnell bei dem Punkt „unter Gleichen“. Zunächst einmal muss man ganz klar sagen, dass wir beide keine Sanierungsfälle, sondern sehr erfolgreiche Unternehmen sind, die ihren jeweils ganz eigenen „Fußabdruck“ und ihr eigenes Profil haben. Das miteinander zu ergänzen und zu schauen, wie man diese Stärken unter einer gemeinsamen Organisation ausbauen und weiterentwickeln kann, das ist genau der Reiz.

 

Hörakustik: Private-Equity-Unternehmen wie auch EQT eines ist, genießen ja nicht immer den besten Ruf?

Christian Honsig: Wir haben bei Sivantos in den letzten drei Jahren eine tolle Entwicklung hingelegt, weil EQT investiert und uns dadurch viele Möglichkeiten gegeben hat.

 

Hörakustik: Werden beide Unternehmen denn zu einem späteren Zeitpunkt in eine Company zusammengeführt?

Christian Honsig: Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen, da wir sicherlich auch abwarten müssen, wie sich die Dinge weiterentwickeln werden. Was sich beide Unternehmen auf die Fahne schreiben, ist sicherlich das Thema Digitalisierung. Und daneben fokussieren wir stark auf das Thema Soundability, wie wir es nennen, und Widex auf die Themen Klang, Klangwahrnehmung und Natürlichkeit. Das sind für mich Kernpunkte des Geschäftes und da haben wir auf beiden Seiten eine hohe Übereinstimmung. Wie sich TeleCare und das Thema Own-Voice-Processing bei Sivantos und das Thema „Machine-Learning“ aufseiten von Widex weiterentwickeln werden und was das für den jeweils anderen Partner bedeutet, kann ich Ihnen noch nicht beantworten.

 

Hörakustik: Wie sehen die nächsten Schritte aus, um die zukünftige Zusammenarbeit auszugestalten?

Christian Honsig: Wir bleiben vorerst unabhängige Firmen. Nur wenn wir die Zustimmung der zuständigen Behörden haben, können wir uns treffen und beginnen über das Geschäft zu reden. Dann fängt die Arbeit erst richtig an. Wir müssen uns überlegen, wie wir uns in den 125 Ländern, in denen wir zusammen aktiv sind, aufstellen. Da gibt es viele Möglichkeiten, wo wir gemeinsam noch mehr machen können. Oder wie wir unsere 800 Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung (F&E) zusammen koordinieren können und wie wir mit dem Investitionsbudget von 100 Millionen Euro umgehen. Insgesamt geht es darum, herauszufinden, wo wir die Ressourcen, die wir haben, besser und stärker einsetzen und zugleich unsere jeweils eigenen Profile weiterentwickeln können.

 

Hörakustik: Wo sehen die Investoren denn die wesentlichen Vorteile des Mergers?

Christian Honsig: Zunächst einmal entsteht durch den Merger eine verdammt starke Nummer drei im Markt. Die Schlagdistanz zu William Demant und Sonova ist – wenn man sich den reinen Wholesale anschaut – nur noch sehr klein. Hinzu kommt das Thema War on Talent, denn bei den Herstellern gibt es immer auch einen Kampf um Ressourcen. Wenn man sich anschaut, was wir alles tun, um Softwareentwickler zu finden und nun bekommen wir die Möglichkeit mit 300 branchenerfahrenen Leuten von Widex zusammenzuarbeiten, ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Das Kostenthema hat schon beim Einstieg von EQT bei Sivantos nicht im Vordergrund gestanden und tut es auch bei diesem Merger nicht. Wir wollen eindeutig den Markt treiben, denn es gibt noch viel zu tun, wenn man sich beispielsweise die Durchdringungsraten bei der Hörsystemversorgung von Schwerhörigen anschaut. Hinzu kommt, dass wir auf die Dynamik des Marktes flexibel und schnell reagieren müssen. Sehen Sie sich beispielsweise das Thema Over-the-Counter(OTC)-Geräte an, das in den USA hochkocht. Heute sind doch alle Hersteller in der Zwickmühle sich zu fragen, ob man die eigenen Ressourcen in die Entwicklung von OTC-Geräten steckt oder in die Weiterentwicklung von Hörgeräten.

 

Hörakustik: Wie wollen Sie den deutschen Hörakustikern den Merger nahebringen?

Christian Honsig: (lacht) Ich glaube, da brauchen wir nicht viel zu tun, der „Flurfunk“ hat da schon gut funktioniert. Die Reaktionen waren bisher extrem positiv, weil wir in unserer Ausrichtung ja nicht schwer zu verstehen sind. Wir wollen jedenfalls das Potenzial und die guten Strukturen weiterentwickeln. Ich sehe momentan keinen anderen Hersteller, der mit zwei so stark positionierten Marken wirken kann.

 

Hörakustik: Was wird dieser Merger langfristig für den deutschen Markt bedeuten? Bleibt es bei mehreren Marken, wird es zu einer Vertriebsorganisation führen?

Christian Honsig: Klare Aussage heute, die Marken werden bestehen bleiben. Wo wir sicherlich noch keine abschließende Antwort darauf haben, ist die Frage, wie das zukünftige Markenprofil und der Markenkern von beiden aussehen werden. Themen wie die Digitalisierung und Remote-Services werden in den nächsten Jahren den Markt verändern und dann wird man sehen müssen, mit welcher Marke welche Themen am besten gehen. In Deutschland haben wir mit beiden Marken einen starken Auftritt mit viel Tradition und Stabilität für unsere Kunden. An der Ausrichtung in den qualifizierten Fachhandel wird sich nichts ändern.

 

Hörakustik: Wann rechnen Sie mit der Reaktion der Wettbewerbsbehörden?

Christian Honsig: Das ist jetzt nicht zu sagen. Wir werden uns ein wenig in Geduld üben müssen. Das Gute ist, die Leute von EQT sind Profis, die wissen, wie man so etwas vorbereitet.

 

Hörakustik: Vielen Dank für das Gespräch!

Björn Kerzmann

 

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